Der Junge lief über die Wiese. Der Frühling nahte, und frisches Grün schoß allenthalben aus dem Boden, daß es eine Freude war, dem Wachsen zuzuschauen. Die alten, knorrigen Bäume erwachten wieder zum Leben, neue Triebe brachen auf. Die Vögel kehrten von ihrer langen Reise in den Süden zurück, und die Luft hing voller wohlriechenden Düften. Geschäftiges Summen füllte das Ohr. Er war allein, rannte über die kleinen Hügel bis zum Lauf des Baches. Mit der Hand schöpfte er einen Schluck Wasser, das kühl und erfrischend durch seine Kehle lief. Müde ließ er sich auf den Rücken fallen. Die Erde fühlte sich lebendig an, er wälzte sich wie ein junger Hund. Schließlich blieb er ruhig liegen und blickte in den blauen Himmel über sich. Träge zogen einige Wolken über ihn hin. Er folgte ihnen mit den Augen, bis diese ihm zufielen. Im Schlaf lächelte er selig. Als er erwachte, saß neben ihm eine Frau in einem weißen Kleid. Sie blickte ihn freundlich an, und er fand sie wunderschön. Der sanfte Wind umspielte sachte ihr langes, blondes Haar. Ihre klaren, blauen Augen leuchteten und erwärmten das Herz des Jungen wie noch nie.
"Wer bist du?" fragte er erstaunt, denn er hatte sie noch niemals zuvor gesehen, weder in seinem Dorf, noch in der Stadt. "Ich trage keinen Namen, doch wenn du willst, kannst du dir einen für mich aussuchen", antwortete die schöne Frau mit sanfter Stimme. Der Junge überlegte eine Weile, denn Namen für Frauen waren ihm nicht so geläufig wie die seiner Spielkameraden, und das waren alles Jungen, genau wie er. Dann aber fiel ihm doch einer ein. "Laura. Ich werde dich Laura nennen", freute er sich, "gefällt dir der Name?" "Ja", nickte die Frau, "er gefällt mir sogar sehr gut." "Ich habe dich noch nie hier gesehen", meinte der Junge. "Und doch war ich schon einmal hier", sagte Laura, "allerdings war das vor langer, langer Zeit." Und sie blickte in die Ferne, als ob die Vergangenheit sich dort zeigte. "Ich komme von dort", zeigte der Junge, "hinter dem Hügel liegt unser Dorf." Die Frau lächelte wissend. "Erzähl mir von dir und deinem Dorf", forderte sie ihn auf.
Der Junge begann zu berichten. Von den Menschen, die jenseits des Hügels lebten, von ihren Festen und Freuden, aber auch von ihren Sorgen und Lasten. Vielen ginge es nicht sehr gut, wenigen dafür um so besser. Aber das sei nun einmal so. Die Frau hörte ihm aufmerksam zu. "Es wird Zeit, daß die Einhörner wieder kommen", sagte sie. "Die Einhörner?" wunderte sich der Junge, denn er hatte noch nie von ihnen gehört. "Ja, kennst du denn nicht die Geschichte der Einhörner?", fragte die Frau."Nein." Der Junge schüttelte traurig den Kopf. "Soll ich sie dir erzählen?" "Ja, bitte", nickte der Junge und hörte voller Neugier zu.
Und die Frau berichtete ihm aus alter Zeit, da die Menschen und die Einhörner noch mit Ehrfurcht und Achtung voreinander zusammengelebt hatten. Damals gab es noch viele Einhörner, und es ging ihnen gut. Doch dann änderten sich die Menschen, sie wurden hartherzig und grausam. Sie dachten nur noch an sich selbst. Auch die Einhörner bekamen das zu spüren. Die lange Freundschaft zerbrach, die Menschen begannen die Einhörner zu jagen und zu töten. Es ging ihnen einzig und allein um das Horn. Es galt als Zeichen des Wohlstandes, ein solches Horn zu besitzen. Je mehr einer von diesen begehrten Objekten aufweisen konnte, desto angesehener war er. Für die Einhörner bedeutete es, daß sie immer gnadenloser gejagt wurden. Sie wurden weniger und weniger, denn sie verstanden lange nicht, daß die Menschen sich gegen sie gewandt hatten. Um nicht völlig ausgerottet zu werden, beschlossen sie schließlich, sich zu verstecken. Sie zogen sich in unwegsame Regionen zurück und fristeten ein traurigeres Leben als zuvor. Doch sie warten seitdem darauf, daß die Menschen wieder Vernunft annehmen und friedlich, so wie früher, mit ihnen zusammenleben würden. Bis dahin würden sie nur einem tugendhaften und reinen Menschen trauen, einem ganz besonderen Menschen, einer Jungfrau.
Der Junge war fasziniert von der Geschichte, und zugleich war er traurig, daß die Einhörner sich vor den Menschen verstecken mußten. "Wann werden sie zurückkommen?" "Wenn es genug Menschen gibt, die an das Gute glauben", antwortet die Frau. Der Junge blickte sie ehrfürchtig an. "Wenn der Haß aus den Herzen der Menschen verschwindet und die Liebe zurückkehrt", fuhr sie fort, "dann ist ein Miteinander wieder möglich, dann ist die Zeit gekommen, daß die Einhörner wieder erscheinen."
Traurig ließ der Junge den Kopf hängen. "Ach, das wird wohl nie geschehen", klagte er, "und ich werde nie ein Einhorn sehen." Seine Hoffnung schmolz dahin wie vor nicht allzu langer Zeit der Schnee. "Wie sehen sie aus", fragte er die Frau. "Sie sind ganz weiß, wie ein Pferd. Doch ihre Mähne ist seidig, ihr Fell wie Samt und genau in der Mitte der Stirn tragen sie ein glänzendes, spiralförmiges Horn", beschrieb sie das Wesen. Seufzend stellte der Junge es sich vor. "Sei nicht traurig", sagte die Frau und strich sanft über sein Haar, "vielleicht zeigt sich dir eines Tages doch noch ein Einhorn." "Aber die Menschen, sie ändern sich nicht", stieß der Junge verzweifelt hervor, fast traten ihm die Tränen in die Augen, "sie denken immer nur an sich, nie an andere." "Du mußt daran glauben, daß sie sich ändern werden, so wie die Einhörner es glauben", sprach die Frau eindringlich, "irgendwann werden sie einsehen, daß sie den falschen Weg eingeschlagen haben. Sie werden dann den richtigen erkennen und ihn wieder betreten." "Aber woher sollen sie es wissen, woher sollen sie wissen, wo der richtige Weg ist?" "Sie sind damals von ihm abgekommen, sie brauchen nur ein wenig zurückzugehen, um ihn wiederzufinden", meinte die Frau. "Das wird schwer sein", urteilte der Junge. "Und darum muß jeder Mensch seinen Teil dazu beitragen", sagte die Frau, "geh, und trage du deinen Teil auch dazu bei, daß die Menschen den richtigen Weg finden." Der Junge stand auf. "Das werde ich", versprach er mit ernstem Gesicht. Die Frau umarmte ihn, drückte ihm zum Abschied einen Kuß auf die Stirn.
Dann ging der Junge den Hügel hinauf. Oben angelangt, sah er nicht weit vor sich das Dorf. Er drehte sich noch einmal um und blickte hinunter zu dem Bach, und er sah an der Stelle, an der er mit der Frau gesessen hatte, ein Einhorn stehen. Das Einhorn war so wunderschön, wie er es sich vorgestellt hatte. Es stand da, seine weiße Mähne bewegte sich im sanften Wind, das Horn glänzte. Mit einer anmutigen Geste grüßte es den Jungen, dann wandte es sich um und verschwand zwischen den Bäumen.
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